Texte

TEXTPASSAGEN von Katharina Gütter
aus den Lebensläufen der Frauen

 

KINDHEIT AB 1914

Nach der Gründung der zweiten polnischen Republik waren legale Auswan-
derungen offiziell erlaubt. Man durfte persönliche Gegenstände wie Mobiliar und Geschirr mitnehmen. Man durfte jedoch keinerlei Zahlungsmittel bei sich haben. Um nach Deutschland einwandern zu können, musste man einen Verwandten haben, der für einen bürgte. Vater setzte sich mit einem fernen Cousin in Oldenburg in Verbindung, der dann auch als Bürge auftrat.
Meine Großeltern stopften meines Vaters Erbe kurzerhand in die Rohre eines Bettgestells, völlig ahnungslos welches Ausmaß die Inflation schon erreicht hatte. Sowie meine Eltern in Deutschland angekommen waren, mussten sie schmerzlich erfahren, dass Vaters gesamtes Erbteil weniger wert war als eine Schachtel Streichhölzer

 

Metzingen war eine Gerberstadt. Es gab Weißgerber und Rotgerber, die meist um die Stuttgarter Straße angesiedelt waren. In jedem dritten Haus befand sich eine Wirtschaft

 

Großvater gehörte die Lohmühle. Dort wurde die Rinde der Bäume zu Loh gemalen. Das verwendeten die Gerber um das Leder zu bearbeiten. Es war unglaublich viel Staub in so einer Mühle

 

Meinem Großvater war Wirt und Schneider. Er saß auf dem Tisch in der Wirtschaft, nähte und schwatzte mit den Gästen

 

Ich hatte die kleinen Gänschen aus purer Liebe erdrückt. Als ich sie beerdigte, ließ ich ihre Köpfchen aus der Erde gucken

 

Ich tauschte heimlich Eier gegen Kuchen. Ich dachte, ich wäre die einzige die das tat, aber später sagten meine Schwestern, sie hätten das auch getan

 

Der Büttel hieß Häberle. Er läutete die Glocke, die an einem Stab befestigt war und dann sang er: `Kommt ihr Leut und lasst euch sagen unsre Uhr hat 12 geschlagen… Dann berichtete er, wo es gebrannt hat oder wem die Kuh entlaufen war. Die wenigsten besaßen damals ein Radio

 

Ich kann mich erinnern, wie der Zeppelin bei uns übers Haus flog. Es war Anno 1930. Es war ein riesiges schweres Ding und ging grad so übers Dach

 

Die Straßen waren unser Spielplatz. Bei Regen wurden Dämme gebaut, bei schönem Wetter `Warfala g`rollt´

 

Von 1927-1929 war meine Mutter in Amerika. Sie studierte Gesang. Eine reiche Tante ermöglichte ihr das. Mutter war die erste, die in Metzingen einen Bubikopf trug

 

Vater band den Kinderwagen mitsamt mir hinten an das Motorrad und ab ging`s rund um den Bodensee

 

Disziplin wurde in meinen Elternhaus groß geschrieben. Wir Kinder wurden zum Gehorsam erzogen. Es war tabu, während des Essens zu reden. Auch kann ich mich nicht erinnern, dass bei uns je über Geld gesprochen wurde

 

Im Winter wurden wir im Schlitten zur Schule gefahren. Manchmal, wenn man morgens die Tür aufmachte, war der Schnee so hoch, dass man vor einer weißen Wand stand

 

Vater war oft arbeitslos. Unterkriegen hat er sich davon nicht lassen. Mal wurde gekellnert, mal untervermietet. Er schaffte es in kürzester Zeit aus einer Wohnung zwei zu machen.
Die Toilette wurde nach außen verlegt, was damals nicht ungewöhnlich war. Eher mussten sich die alten Leute daran gewöhnen, das eine solche plötzlich in der Wohnung sein sollte

 

Wenn Großvater wieder mal Probleme mit seinem Gebiss hatte, lief er zu seiner Werkbank. Er spannte das Gebiss in den Schraubstock und feilte solange daran herum, bis es irgendwie wieder passte

 

Früher sind die Leute mit dem Rucksack auf dem Buckel von Mittelstadt, Kohlberg und Glems nach Metzingen zur Arbeit gelaufen

 

Wenn Mutter putzen ging, setzte sie mich ins Ställchen und drückte mir Schere und Papier in die Hand. Damit schnitt ich die Bilder aus der Zeitung aus. Immerhin war ich schon 2 Jahre alt

 

Wir zupften beim Bauer Hopfen, dafür gab es ein Glas Milch und ein Butterbrot. Die alte Bäuerin gab den Ton an: `Hopfazopfa Stil drolau wer`s et ko soll`s bleiba lau´

 

Der Schnapsprüfer kam aus Stuttgart. Die Männer machten sich einen Spaß und tranken mit ihm warmen Schnaps. Plötzlich war er verschwunden. Man suchte und fand ihn laut schnarchend in Großvaters Büro über dem Schreibtisch hängen.
Sein Gebiss lag unter dem Tisch. Der Hund schnappte es sich und suchte damit das Weite

 

Meinen ersten Freund hatte ich mit 8 Jahren. Er wollte mich nicht heiraten, weil ich Würmer hatte

 

Es gab immer Männer und Frauen, die morgens schon Schnaps tranken. Sie hatten alle einen guten Grund. Beim einen zwickte der Rücken, beim anderen der Bauch. Wenn sie heimwärts schwankten, lachten die Leute und sagten:
`Do wois mer garnet dr wen dr welch hält´
Einmal sackte eine Frau vor der Theke zusammen. Meine Mutter stupste sie an. Als sie sich nicht rührte, sagte Mutter `Di isch tot, gang und hol dr Laib´ (Bestatter)
Ich rannte los. Als ich mit dem Laib zurück kam, lehnte die `Leich´ schon wieder putzmunter am Nachbarzaun

 

Wenn sich Großmutter und der Dorflehrer trafen, schwatzten sie stundenlang. Dann wünschte ich mir jedes Mal, dass der Lehrer sich in Luft auflösen würde. Eines Tages flog er mit dem gesamten Schulhaus in die Luft. Das war schlimm. Was konnte ich dafür, dass das Schulhaus so instabil war. `Des war halt Schicksal´

 

Ich musste auf meinen kleinen Bruder aufpassen, wollte aber viel lieber mit den anderen spielen. Ich drückte ihm die Augenlider so lange runter, bis dass er sie nicht mehr aufklappte.
Kaum war ich um die Ecke, ging das Gebrüll von vorne los

 

Mit 10 Jahren kam ich zum JM. Da bin ich in der Schule auf den Stuhl gesprungen und sang `Die Fahne hoch´

 

Der Lehrer schlug die Buben grundlos. Bevor der Unterricht begann mussten wir singen: `Nach Ostland geht unser Ritt´

 

1932 brachte Vater mich nach Berlin zu meiner Tante und meinem Onkel. Mein Onkel hatte eine Druckerei in Charlottenburg, direkt am Schloss. Ich war begeistert und so behielten die beiden mich bei sich. Meine Tante sagte damals zu meiner Mutter: `Weißt du, du hast zwei davon, lass sie uns teilen´. Auch sie war bei einer kinderlosen Tante aufgewachsen

 

Dass wir die Zukunft Deutschlands waren machte uns sehr stolz. Wie alle Jugend-
lichen wollten wir nicht so sein wie unsere Eltern. Wir fühlten uns zuhause in dieser lebendigen Jugendbewegung. Die Führer und Führerinnen waren ja kaum älter als wir

 

Oben am Berg lag ein Gasthaus. Dort fanden regelmäßig BDM und HJ Treffen statt. Wir belieferten sie mit Milch. Wenn`s ein Gewitter gab, kamen sie zu uns. Sie haben immer so schön gesungen. Einer spielte Akkordeon. Und getanzt haben sie.
Sie sorgten schon für Abwechslung auf unserem einsamen Hof. Wir lernten von ihnen wie man Pudding kocht. Sie schlugen aus Rahm Schlagsahne. Das kannten wir nicht

 

Die Kommunisten kamen in ein Umerziehungslager. Wir dachten das wäre richtig so. Es galt ja des Führers Ideen zu unterstützen und das taten die Kommunisten nicht

 

Endlich hatte Vater wieder Arbeit und als Deutscher war man wieder etwas wert

 

Wir haben Feldzug gegen England gespielt. Als Fallschirm diente ein aufgespannter Schirm. Damit sind wir vom oberen Heuboden gesprungen

 

`In den Ostwind hebt die Fahne, denn der Ostwind macht sie weit, drüben heißt es aufzubauen für die schöne neue Zeit´
Man sprach von großen Ländereien im Osten. Ich wollte nichts sehnlicher als dort Gutshofbesitzerin werden. Das malte ich mir in den schönsten Farbe aus

 

Ich war im JM Sportleiterin und begeisterte Leichtathletin. Ich schaffte es bis zu den Deutschen Meisterschaften in Stuttgart. Meine Eltern stellten sich aber gegen eine Laufbahn als Sportlerin.
Ich hätte ihnen nie widersprochen

 

Wir hievten den Leiterwagen in die Erms, setzten das Segel und fuhren flussabwärts. Es war ein schöne Zeit. Man fühlte sich sicher und miteinander verbunden. Wir bastelten, stickten, sangen und wanderten

 

Kurz vor meiner Einschulung kam Stalin an die Macht. Unsere Familie wurde nach Sibirien verschleppt. Die Männer mussten Baracken bauen. Viele Kinder und alten Leute sind vor Hunger gestorben. Die Menschen waren nur noch Haut und Knochen. Später gab es einen Erlass, dass Kinder unter 15 Jahren wieder in die Heimat zurück durften. Ich wurde zu meiner Halbschwester auf die Krim geschickt, wo ich als Hausmädchen diente. Ich hatte keine Schuhe. Ich war ein trauriges Kind

 

Im BDM wurden wir zur Opferbereitschaft und Leidensfähigkeit erzogen. Es waren hehre Ziele. Die Führerinnenabende gingen uns über alles. Aus heutiger Sicht war es eine Gehirnwäsche.

 

Wir liebten Filme wie `Hitlerjunge Quex´ indem wir den jungen Helden den Märtyrertod sterben sahen. Er war uns ein Vorbild

 

Meine Eltern waren der Meinung, die Schule hält nur von der Arbeit ab. Ich habe meine ganze Kindheit über gearbeitet. Das war halt so

 

KRIEG

Ich kann mich gut an Kriegsbeginn erinnern. Ich saß mit einem Nachbarjungen an der Straße. Um uns herum waren alle in heller Aufruhr. Man schrie und weinte und immer wieder fiel das Wort: `Krieg.´ Ich wusste nicht, was das bedeuten soll. Der Junge hat es mir so erklärt:
`Des isch so, des ko sei wenn du do sitscht do bischt du plötzlich he´

 

Die ersten Flüchtlinge wurden in der Hindenburgschule untergebracht. Man sagte, sie kämen von der Heimatfront

 

Wir waren zu klein um dem JM beizutreten. In der Schule ging alles drunter und drüber. Manchmal war sie monatelang geschlossen. Einmal wurde sie in ein Lazarett umgewandelt. Der Unterricht hat uns nicht sehr interessiert. Es hat sowieso keiner bemerkt, ob wir da waren oder nicht

 

Nach der Schule musste man für ein Jahr in den Arbeitsdienst. Man half bei den Bauern oder bei kinderreichen Familien im Haushalt. Die Männer waren ja fast alle im Krieg

 

An den Wochenenden führten wir Sketche auf, sangen und wanderten. Wir wurden immer wieder angehalten den Kontakt zu Männern zu meiden. Ein deutsches Mädchen lässt sich nicht ansprechen, raucht nicht und schminkt sich nicht, redete man uns ein

 

Es gab jetzt einen Krankenpflegeverein. Im Jahr bezahlte man dafür 12 Reichsmark. Auch stand uns plötzlich Urlaub zu, davor gab es so etwas nicht

 

Ich fuhr das erste Mal mit einer Freundin in Urlaub an die Ostsee

 

Wir vier Freundinnen waren unzertrennlich. Wir fuhren mit dem Zug ins Gebirge und bestiegen den Watzmann

 

Wenn einer mich umgarnte, sagte ich zu ihm: `Im Krieg heirate ich nicht. Wenn der Mann fällt, steh ich alleine da´

 

Meine Cousine war groß, blond und blauäugig. `Sie schenkte dem Führer ein Kind.´ Es gab extra Einrichtungen dafür. Für ihre Familie war das schrecklich

 

Mein Vater und der junge Franzose diskutierten für ihr Leben gerne miteinander. Eigentlich durften die Zwangsarbeiter nicht mit der Familie an einem Tisch sitzen. Meinen Vater interessierte das nicht

 

Wir bekamen einen Russen zugeteilt. Er war so ein netter Junge. Nach Kriegsende wollte Vater, dass er bei uns bleibt. Er wollte aber zurück wegen seiner Familie. Wir hörten nie wieder etwas von ihm

 

S´Pole lag emmer nur auf dr Wies ond hot gschnarcht. Er durfte nicht bei uns am Tisch essen

 

Einer der polnischen Zwangsarbeiter rief meiner Mutter zu: `Frau Brot, Frau Brot!´ Sie steckte ihm Brot und Äpfel zu. Ich schämte mich, weil die Äpfel schon leicht faul waren. Er aber verschlang sie, als handelte es sich um eine Delikatesse

 

Mein Vater wurde 1938 abgeholt. Nach drei Monaten erfuhren wir, dass er nicht mehr im Gefängnis war. Es gab weder einen Prozess noch eine Verhandlung

 

In Stuttgart empfing uns eine wild gewordene Horde Menschen. Der Schalter-
beamte sagte, dass heute kein Zug mehr nach Metzingen fährt. Mutter eilte zum Telefonhäuschen. Nach bangen Sekunden des Wartens meldete sich mein Vater. Er versprach uns abzuholen.
Die Zeit des Wartens schien endlos. Der Spuk ging aber erst richtig los als wir schließlich die Königsstraße hochfuhren. Um uns eine tobende Menge. Scheiben wurden eingeschlagen, Rauchwolken quollen aus brennenden Wohnungen. Überall Scherben. Direkt vor uns flog ein Konzertflügel aus dem ersten Stock, gefolgt von Einrichtungsgegenständen einer Arztpraxis.
Ich schrie nur noch. Meine Mutter drückte mich an sich.
Endlich erreichten wir die Fildern. Es war wie das Eintauchen in eine andere Welt. Diese Ruhe, dieser Frieden. Diese Nacht ging als Reichskristallnacht in die Geschichte ein. Ich war 9 Jahre alt

 

Mein Bruder war zwei Jahre älter. Er war 10 Jahre lang im Krieg, davon 5 Jahre in Gefangenschaft. Sie holten ihn vom Arbeitsdienst direkt zum Militär. Er war damals 17 Jahre alt

 

Ich kam in die Schule – und verstand kein Wort. Der Lehrer sprach breitestes Schwäbisch
Lehrer: Was ischt vier mol nein? (Ich schwieg….)
Lehrer: sieba mol nein (…um Antwort ringend)
Lehrer: nein mol nein (….fassungslos)
Lehrer schreit: Was kommt do raus?
Ich: Nichts

 

Wir bekamen Arbeiter aus Polen. Als Großvater entdeckte, dass der Mann auf der Dreschmaschine schlief, teilte er ihm sofort ein Zimmer zu. Er achtete auch immer darauf, dass zum Essen alle an einem Tisch saßen
Einer der Polen verliebte sich in eine Landsmännin. Sie wollten heiraten. Meine Eltern richteten die Hochzeit aus. Das war 1942, wo kaum mehr normale Stoffe hergestellt wurden. Schuhe gab es schon lange nicht mehr. Sie sammelten alles zusammen, was dazu gehörte: Schuhe, Anzug, Hochzeitskleid. Unsere Verbunden-
heit mit der Familie besteht bis zum heutigen Tag

 

Mein Vater hatte sich außerhalb der deutschen Kolonie selbstständig gemacht. Ich bin unter der russischen Bevölkerung aufgewachsen und besuchte 10 Jahre die Schule. Vater wollte, dass wir lernen, damit wir mal nicht so schuften müssen wie er. Wir Kinder gingen in den Kosomol, das war eine Jugendorganisation der KPDSU. In der Schule wurde ständig propagiert. Mein Bruder war völlig infiziert und hielt lange Vorträge über das System. Meine Mutter lernte zu schweigen.
Man traute bald keinen mehr, nicht mal seiner eigenen Familie

 

Die Lehrerin sagte zu uns, wir wären die einzigen schwarzen Raben in ihrer Klasse. Das wollten wir nicht auf uns sitzen lassen. Eines Tages brauchte sie Äpfel, um mit uns einen Kuchen zu backen. Geschwind rannten wir nachhause, brachen das Schloss von dem Verschlag auf, hinter dem die Äpfel lagerten und bedienten uns.
Wenig später standen wir mit leuchtenden Augen und einem Korb voller Äpfel vor der Lehrerin. Ab da hatten wir bei ihr ein Stein im Brett. Zuhause aber war an diesem Abend heller Aufruhr. Jemand war in den Keller eingebrochen und hatte Äpfel geklaut!

 

Die Bombenangriffe auf Stuttgart nahmen überhand. Fast jede Nacht verbrachten wir im Luftschutzkeller. Mein Chef ist bei einem der Angriffe ums Leben gekommen. Wir saßen in einer dichten Staubwolke, tauchten Tücher ins Wasser, banden sie uns um und flüchteten nach oben

 

Uns graute vor dem Postmann. Wir wussten als erste, wer gefallen war und mussten die Nachricht weitergeben

 

Wir saßen im Keller und spürten, dass etwas nicht stimmt. Wir rannten nach oben. Das Feuer war schon überall. Wir rannten um unser Leben. Vor dem Haus hielten wir inne und schauten zu, wie sich alles was wir besaßen binnen weniger Minuten in Nichts auflöste

 

Natürlich hatten wir Angst. Aber keiner sprach darüber. Man trug die Trauer nicht nach außen.
Der Krieg musste sein und das hieß, dass die Männer in die Schlacht zogen und gefallen sind. Für Volk und Vaterland

 

Meine Freundin und ich kletterten aus dem Klassenzimmer, legten uns in die Wiese und dachten uns Geschichten aus. Es gab schon welche, die waren öfter in der Schule als wir

 

Ich erinnere mich wie ein altes Bäuerlein von Neuhausen die Straße runterkam. Er schob seine hochschwangere Tochter im Räuberkarren vor sich her. Ein Räuberkarren hatte grad mal zwei Räder und zwei Holme zum Schieben

 

Als die Bombenangriffe heftiger wurden, sind wir in den Berg geflüchtet. Die Eingänge wurden verschüttet. Wir waren tagelang eingeschlossen

 

Wir Kinder kletterten auf die Eisenbrücke am Bahnhof und schauten zu wie über Reutlingen die Christbäume runterkamen

 

Als die Tiefflieger kamen, flüchteten wir zum Florian. Wir hausten mindestens zwei Wochen dort oben. Zwei Familien in einem winzigen Gartenhäusle

 

Ein Tiefflieger kam von Neuhausen rüber. Wir rannten um unser Leben. Das Flugzeug verfolgte uns, kam immer näher. Wir konnten das Gesicht des Mannes sehen. Im letzten Moment schwenkte er ab. In Gedanken sage ich heute noch:
`Der Herrgott mag`s dir danken´

 

Als in Reutlingen mit Phosphorbomben bombardiert wurde, standen die Leute auf der Straße und schauten sich das unbegreifliche Spiel am Himmel an. Es war als würden grüne Vorhänge auf Reutlingen fallen

 

Wir glaubten bis zuletzt, dass wir den Krieg gewinnen. Da standen die Amis schon vor Metzingen

 

Mutter fand Arbeit bei einem Bauern. Morgens sammelten wir Holz im Wald. Vater blieb verschollen

 

Als der erste Schwarze auftauchte habe ich sofort das Weite gesucht. Ich hatte zuvor noch nie einen schwarzen Menschen gesehen

 

Ich versteckte mich oben im Waschraum, hinter einer Wand die durch Minen-
beschuss halb herausgebrochen war. Die Russen durchsiebten ein Haus nach dem anderen. Eines Tages war ich nicht schnell genug und zwei Russen standen vor mir.
Ich stellte mich blöde, verdrehte die Augen und sabberte aus dem Mund. Sie erschraken und beruhigt n mich: `Ruski Soldat – gutt, gutt!´ Das rettete mich

 

Plötzlich war ganz Metzingen französisch. Die Autos hatten französische Kenn-
zeichen. Die Frauen, die einen Franzosen als Freund hatten, trugen eines Tages allesamt Kleider aus demselben Stoff, grün-weiß. Den holten die Franzosen aus der Samtfabrik

 

Sie warfen lebendige Geißböcke durch die Fenster und standen mit offenen Hosen an der Tür. Wir ließen alles stehen und liegen und flohen in den Wald. Dort versteckten wir uns drei Tage und drei Nächte. Es wurden unendlich viele Frauen vergewaltigt. Die Männer wurden vor den Augen ihrer Frauen erschossen

 

Das gebrauchte Geschirr wurde einfach aus dem Fenster geworfen.
Der Holzfußboden in der Küche war mit einer dicken Rußschicht bedeckt.
Auf der Bühne standen Milchkannen in denen sie ihre Notdurft verrichteten, im Keller Eimer voll Wasser mit blutigen Binden drin. Als wir nach gut einem Jahr ins Haus zurück konnten, setzten meine Schwiegermutter und ich uns erst mal auf die Treppe und weinten bitterlich

 

Die Franzosen fuhren mit ihren schweren Panzern in die Stadt. Ein alter Mann stolperte ihnen mit einer weißen Fahne entgegen. Wir verriegelten das Tor. Sie schlugen solange dagegen, bis dass Vater befahl, das Tor zu öffnen. Er wollte mich verstecken, aber er brauchte mich ja. Er war erblindet und fand sich ohne mich kaum zurecht. Vater und ich standen also auf der weiten Treppe, als etwa 20 Franzosen in die Vorhalle purzelten. Da Vater perfekt französisch sprach, teilte er ihnen umgehend ihr Quartier zu. Insgesamt fanden 12 Franzosen Unterkunft bei uns. Sie hatten alle großen Respekt vor meinem Vater.
Ich fand einen schöner wie den anderen. Den Feind stellte ich mir ganz anders vor. Bis heute bin ich noch mit der Familie eines der Soldaten freundschaftlich verbunden.

 

Im Flur hing ein Foto, auf dem Vater in seiner Offiziersuniform zu sehen war. Einer von ihnen schlug, immer wenn er an dem Bild vorbeiging, die Hacken zusammen und rief: `Heil mon capitain!´

 

In Dänemark kamen wir in das Lager Öxböl. Es war mit Stacheldraht umzäunt. Innen wurden wir von Frauen bewacht. Vor dem Lager patrouillierten Männer. Sie gaben uns sehr schlechtes Essen. Die Baracken waren voller Läuse. Wir waren in einem Raum mit 32 Frauen und Kindern.
Es gab aber auch Dänen, die Mitleid mit uns empfanden und uns Essen über den Zaun warfen. Wir lebten vier Jahre lang in dem Lager, dann transportierte man uns nach Biberach. Dort kamen wir erst mal in Quarantäne.

 

Meine Eltern erlaubten mir damals nicht dem BDM beizutreten, da unser Haus sehr einsam lag.
 
Sie hatten Angst, dass mir abends etwas zu stoßen könnte. Von 1939 bis 1944 arbeitete ich als Sekretärin des Vizepräsidenten der Reichsbahn.
Als Stuttgart immer mehr unter Beschuss kam, fuhren wir über Memmingen nach Isny. Die Franzosen nahmen die Stadt ein. Wir durften den Zug nicht mehr verlassen. Zwei der Beamten widersetzten sich. Sie wurden direkt erschossen. Nach 14 Tagen konnten wir nach Stuttgart zurück.
Alle Beamten und Führungskräfte wurden entlassen.
Am nächsten Tag berief mich der neue Generaldirektor zu sich. Er würde gerne, aber er könne mich unmöglich wieder einstellen, erklärte er mir, und zwar wegen meiner BDM Vergangenheit. Ich konnte ihm beweisen, dass ich nicht im BDM war.
So war letztendlich ein Glück, was ich zu Beginn als Unglück betrachtete

 

Nach Metzingen kamen wir 1944. Wir waren nicht erwünscht.
Wer kann es ihnen verdenken. Metzingen blieb vom Krieg weit gehent verschont. Wir wurden bei einem alten Bauernehepaar untergebracht. Die waren völlig überfordert. Metzingen hatte gerade mal 9 000 Einwohner. Und dann die vielen Flüchtlinge

 

Tagebucheintrag: 4.8.1944. Hans Holder kommt zurück. Kurt Ruf und Walter Bühner. Jeden Tag kommt ein anderer. Sie haben sich verändert

 

Als Flüchtlinge durften wir am Florian Obst klauben. Kinder, die keine Väter hatten durften umsonst ins Freibad

 

Mein Vater wurde entnazifiziert. Sie behandelten ihn sehr schlecht. Meine Mutter sollte nach Sibirien transportiert werden, weil man ihr nachsagte, dass sie sich mit der Deportation von Andersdenkenden öffentlich einverstanden erklärt hatte. Während der Verhandlung sprang ich auf und rief in den Saal: `Wer das behauptet soll jetzt aufstehen!´
Keiner stand auf und so entging meine Mutter einem schrecklichen Schicksal. Ich pflegte meine Eltern bis zu ihrem Tod

 

Ich werde nie vergessen wie wir in Metzingen ankamen. Das erste Mal seit langem lebten wir nicht von Stacheldraht umzäunt. Man konnte gehen wohin und so lange man wollte und musste keine Angst haben erschossen zu werden

 

Tagebuchauszug 18.7.1945:
Wir haben bei Müller und Bauer mit circa 8 Personen den Betrieb wieder aufgenommen. Gearbeitet wird nur vormittags

 

Die Franzosen nahmen sich Kartoffeln und Zwiebel, Schweine und Hühner. Sie nahmen die Maschinen aus den Betrieben und brachten sie nach Frankreich
(Zitat: `Ha des isch doch klar – mir heddats au so gmacht´)

 

Mein Bruder weigerte sich sein Leben lang von den Kriegserlebnissen zu erzählen. Er sagte nur: `Das was man uns da zugemutet hat hatte nichts Menschliches mehr´

 

Mutter musste für die Franzosen kochen. Wenn sie aßen, musste immer einer von uns mit am Tisch sitzen und mit ihnen essen. Sie hatten Angst vergiftet zu werden

 

Die Franzosen zogen bei uns ein. Wir hatten schon ein richtiges Badezimmer, was damals nicht üblich war. Im Wohnzimmer stand eine riesige Palme. Sie nahm ein Viertel des Raums ein. Daneben stand auf einem Ständer der Käfig von `Hänsle´ unserem Sittich.
Am Palmsonntag sahen wir, wie unsere Franzosen, es waren Marokkaner, die Straße zum Bahnhof runterliefen. Gegen den Schutz vor der Sonne hielt jeder einen Wedel der Palme über dem Kopf. Wir rannten schnell ins Zimmer. An dem Palmstock hing nur noch ein mickriger Zweig. Den Sittich haben sie auch frei gelassen

 

Im Metzinger Gymnasium musste ich unterschreiben, dass ich mich nicht mehr politisch organisieren werde. Ich war 14 Jahre alt
Ein schwarzer Marokkaner winkte mich zu sich. Er packte meine Hand und zog und zerrte an dem Finger, an dem ich einen kleinen goldenen Ring trug. Ich dachte, der reißt mir den Finger ab. Ich schaffte es mich loszumachen und wegzurennen. Seitdem graut es mir irgendwie vor den Schwarzen

 

Ich ging die 8 km zu Fuß weil kein Zug mehr fuhr. Die ganze Strecke begleitete mich ein Soldatentreck. Sie waren auf dem Rückzug. Es war mucksmäuschenstill. Keiner redete – es war schrecklich traurig

 

Die Gauschule wurde geplündert. Die Menschen klauten alles, was ihnen in die Finger kam. Sogar ein Klavier schleppten sie den Hang hinunter. Später durchsuchte die Polizei sämtliche Häuser und konfiszierte alles, was gestohlen war

 

Ich hatte schrecklichen Hunger. Jede Woche bin ich dreimal auf die Alb gelaufen und schleppte alles was ich in die Hände bekam runter nach Metzingen, um es dort einzutauschen gegen Mehl und Zucker. Nach einem Jahr wurde ich sterbenskrank. Ich wurde künstlich beatmet, da beide Lungenflügel verklebt waren. Ich schämte mich fürchterlich vor der Familie meines Mannes, aber letztendlich war die Krankheit mein Glück. Ich bekam endlich genug zu essen

 

Als die Franzosen abfuhren, ließen sich die deutschen Frauen von ihnen abküssen und winkten ihnen hinterher.
(Zitat: `die hend halt äbbes zum Essa kriagt, Schoklad ond so. Oder hend sich verliebt´)

 

Wir hatten kein Jugend. Wir waren aus der Zeit gefallen. Ich verstand nicht, warum uns später keiner erklärte, wie es soweit kommen konnte. Wir wussten nicht mehr, was wir tun sollten

 

Ich liebte und verehrte meinen Vater. Er war bei der Waffen SS. Plötzlich hieß es, dass alle, die der SS zugehörten, Verbrecher wären. Das war schwer zu verkraften

 

Der Anfang war schwer. Ich habe meinen Silberschmuck verkauft, um Milch für die Kinder zu haben. Wir waren halt `Reingschmeckte´

 

Sie luden alle Gefangenen auf einen LKW und fuhren los. Plötzlich sagte Vater: `Die fahren uns nach Frankreich, bei der nächsten Kurve spring ich ab´. Gesagt, getan.
Er kam bis zu einem Waldstück. Die Franzosen mit dem Jeep hinterher. Irgendwann schnappten sie ihn und droschen mit ihren Gewehrkolben solange auf ihn ein, bis er sie anflehte, ihn zu töten. Dann ließen sie von ihm ab.
Im Lager bekam er jeden Tag 25 Stockhiebe. Sie hängten ihn an einem Seil auf und ließen ihn dort oben hängen. Als er fast am Ende war, setzten sie ihn in einen Zug, banden ihn an den Sitz und schickten ihn zurück nach Deutschland.
Eines Tages kommt mir auf der Straße ein alter Mann entgegen. Er geht auf mich zu und sagt: `Mei Mädele´. Ich erkannte meinen Vater nicht wieder. Der Arzt sagte zu meiner Mutter: `Aus dem wird nichts mehr´ Aber Vater war stark und hat es geschafft wieder auf die Beine zu kommen

 

Mein Bruder kam von der Tschechoslowakei nach Frankreich, von dort nach Ostpreußen und dann hat er den Russlandfeldzug mitgemacht. Er war fünf Jahre in russischer Gefangenschaft.
Sie mussten hart arbeiten und haben nur Suppe bekommen. Eine dünne Brühe aus Fischschwänzen und Fischköpfen. Als er 1949 zurückkam, hatte er keinen einzigen Zahn mehr im Mund

 

Die Gefangenen standen auf den Lastwagen und fuhren nach Frankreich.
Wir verteilten Brotschnitten an sie und warfen ihnen Kartoffeln zu. Die Franzosen jagten und weg oder traten nach uns

 

Den Amerikanern wurde jeglicher Kontakt zur Bevölkerung verboten. Mein Vater kam in ein Lager bei Bad Kreuznach. Man nannte es auch `Das Tal des Jammers´ . Die Gefangenen schliefen im Freien, buddelten Erdlöcher zum Schutz gegen die Kälte. Manchmal fuhren die Amerikaner einfach mit ihren Panzern über sie hinweg. Es spielte sich Grausames ab

 

Einmal schlossen wir uns in den Keller ein, um ein recht gruseliges Gedicht zu schreiben. Wir wollten dort unten die Atmosphäre einfangen. Als wir es dann oben vorlasen, haben die sich gebogen vor Lachen

 

NACHKRIEGSZEIT

Es gab mächtig viel Auflagen in unserer Wohnung. Die Kinder durften um die Mittagszeit nicht in den Garten, die Toilettenspülung durfte nur benutzt werden, wenn alle auf dem Klo waren. Es war die reinste Tortur

 

Als ich das dritte Mal schwanger war, hielt ich es nicht mehr aus. Ich musste meine Eltern in Berlin sehen. Sie lebten mittlerweile im russischen Sektor. Mit einem Rucksack auf dem Rücken, den beiden Kinder an der Hand und dem dritten in mir, machte ich mich auf gen Osten.
Als wir die Zonengrenze erreichten war es Mitternacht. Die Soldaten bedeuteten mir auszusteigen. Der Grund war, dass auf meinem Passierschein nicht der richtige Grenzübergang eingetragen war. Auf einmal sah ich nur noch die Schlusslichter des Zugs. Ich sollte wegen des Stempels zur amerikanischen Kommandantur nach Kronberg fahren. Aber es war mitten in der Nacht und kein Zug weit und breit, der uns dorthin brachte. Also setzte ich mich mit den Kindern in einen abgestellten Zug und wartete bis die Sonne aufging. In Kronberg mietete ich ein Zimmer in einem Gasthof, legte die Kinder ins Bett und lief zur Kommandantur. Pünktlich um 12 Uhr nachts waren wir wieder am Grenzübergang und stiegen diesmal mit dem richtigen Stempel in den Interzonenzug.
Es war wohl einer der glücklichsten Momente in meinem Leben als ich meine geliebten Eltern in Berlin in die Arme schließen konnte

 

Wir heirateten 1952. Obwohl mein Mann es gerne gesehen hätte, dass ich zuhause bleibe, wollte ich studieren. Ich kam mir irgendwie nutzlos vor.
Keiner verstand, warum eine Frau, die verheiratet und versorgt war noch arbeiten gehen wollte

 

Wir zogen 1958 nach Metzingen. Damals gab es noch den Wohnungstausch. Wir bekamen erst eine Wohnung, wenn von dort zur selben Zeit jemand nach Esslingen zog. Uns wurde eine 4 Zimmer Wohnung zugeteilt. Ein Ofen stand im Wohnzimmer und ein Wärmeverteiler war im Kinderzimmer. Alle paar Wochen musste man das Rohr säubern, weil sonst alles verrußt wäre. Das Schlafzimmer war hinten angebaut. Im Winter waren die Fenster voller Eiskristalle. In der Küche stand hinter einem Vorhang die Badewanne. Das Plumpsklo war im Garten.
Jahre später bekam ich zu einem Geburtstag eine Wasserspülung geschenkt

 

Von meiner Schwiegermutter wurde ich in die Kunst des schwäbischen Hausputzes eingeweiht. Auf den Knien mit dem Lappen bis in die letzte Ritze. Die Holztreppe wurde gewachst und gespänt und jeden Samstag war Kehrwoche

 

Mein Mann wurde nach Argentinien versetzt auf eine deutsche Schule. Der Ort hieß Bariloche. Es gab dort einen deutschen Club. Sie feierten Hitlers Geburtstag, seine Machtübernahme und jeden Sieg einzeln. Unter ihnen war auch der ehemalige Gauleiter aus Tirol. Er kam mit der gesamten Kriegskasse im Gepäck. Nach drei Jahren erlitt mein Mann einen Nervenzusammenbruch

 

Ich arbeitete für die Amerikaner weil ich gut englisch sprach. Ich wurde bei ihnen für meine Stellung bezahlt und nicht als Mann oder Frau. Das war völlig neu für mich.
Ich war auf vielen Bürgerversammlungen und gründete Frauenorganisationen. Am Anfang stieß ich auf einigen Widerstand. Die Frauen scheuten sich und wollten auf keinen Fall wieder einer Partei oder einem Verein beitreten.
1952 hörte ich, dass die Amerikaner Stipendien an Deutsche vergaben. Man konnte für ein Jahr nach Amerika gehen, um dort das demokratische Leben zu lernen. Ich bewarb mich und so kam ich für ein Jahr nach Amerika. Ich erinnere mich, dass mich einmal ein Amerikaner fragte, ob der Schwarzwald wirklich schwarz wäre

 

Meine Freundin und ich wurden streng katholisch erzogen. Als wir heirateten überlegten wir, ob das was die Männer mit uns taten denn Sünde wäre. Wir beschlossen erst mal so weiter zu machen.
Wir würden schon sehen was dabei herauskommt

 

Mein Vater gab mir klare Anweisungen, wie ich mit einem Mann umzugehen habe
1. Denke daran die Kinder gehen irgendwann aus dem Haus, der Mann bleibt
Ein Mann sollte immer um seine Frau werben und nicht umgekehrt

 

Mit dem Erbe meines Vaters fuhr ich nach Amerika. Ich verbrachte ein Jahr in Chicago

 

Ende der 50iger kamen die ersten Italiener aus Südtirol. Sie wohnten in Baracken. Einer der Bauarbeiter wies einen der Italiener folgendermaßen ein:
`Du muscht do rugala fass´ (übersetzt: `du musst das Fass rollen´)

 

Ich studierte bei der Fernakademie in Karlsruhe Malerei, neben dem Haushalt und einer 7-köpfigen Familie

 

Von 1963 bis 1968 übernahmen wir den Jazzclub `Blue Note´ in Metzingen. Die ersten Wochen spielten wir noch Jazz, dann kam der Beat und die ersten Gruppen traten auf. Wir hatten jeden Samstag geöffnet und waren weit über Metzingen hinaus bekannt

 

Mein Mann war schon auch eifersüchtig `bis auf d`Fasnet. Da hat er mi `a weng hopsa lassa´

 

Zuletzt wollte ein Arzt mir noch die Polypen rausnehmen. Ich protestierte: `Herr Doktor, jetzt haben Sie mich schon fast ganz ausgeräumt, die bleiben drin.`

 

Manchmal ist mir, als hätte ich noch gar nicht richtig gelebt

 

Als ich 40 Jahre war kaufte mein Mann ein neues Auto. Ich fragte zaghaft, ob er mich nicht auch den Führerschein machen lassen würde. `Kommt nicht in Frage´ sagte er `du bist viel zu nervös ´
Mit 62 Jahren machte ich dann doch noch den Führerschein. Ich ging mit dem Papier an sein Grab und sagte: `Gell des hetsch mer net zutraut!´

 

Wenn ich nochmal zur Welt kommen sollte, möchte ich ein Mann werden. Am liebsten ein Ingenieur. Und ein großes Motorrad fahren möchte ich

 

Ich komme nicht klar damit, wie die Welt heute aussieht. Es kommt mir vor wie der Tanz auf dem Vulkan. Dazu diese vielen seelischen Krankheiten. Dafür hatten wir gar keine Zeit. Wir hatten nicht mal Zeit uns zu streiten

 

Ich frage sie: Wie geht es Ihnen?´ Und sie fangen an zu jammern. Ich frage dann: `Wie alt sind Sie denn?´ Sie antworten mir: `87 oder 88 Jahre´ Verstehen Sie das? Das ist doch normal, dass es in dem Alter irgendwo zwickt. Das gehört doch dazu!

 

Ich bin bereit zu sterben. Das denke ich jedenfalls. Scheinbar ist dort oben gerade kein Platz für mich frei

 

Heute denke ich das Schicksal hat mich geführt. Es ist alles auf mich zugekommen, ohne mein Zutun

 

Früher war das viel einfacher mit der Bezahlung. Es ist alles so kompliziert heutzutage

 

Vom Lindenplatz zum Rathaus gibt`s nicht mal mehr einen richtigen Gehweg. Da stehen jetzt Tische, Stühle und Pflanzenkübel rum

 

Ich pflegte meinen Mann 16 Jahre lang. Zuletzt konnte er kaum mehr reden. Wir weinten viel. Aber wir haben auch zusammen gesungen, auch als er schon im Krankenhaus lag

 

Wenn mir alles über den Kopf wächst, gehe ich in den Keller, zieh meine Steppschuhe an und tanze

 

Im Altenheim: `I schwätz manchmol an bissle Unsinn, dann hent die Leut äbbes zum Lacha´

 

Ich finde man sollte sich an Abmachungen und Verabredungen halten. Es gibt Menschen, die sagen ab, wenn sich etwas für sie Lohnenswerteres ergibt. Das finde ich nicht gut

 

Ich verstehe nicht warum man glaubt, dass der Staat für alles sorgen soll. Schließlich sind wir der Staat

 

Man nennt es Spaßgesellschaft. Ich nenne das Volksverdummung

 

Unser Erziehungssystem scheitert weil wir ständig nur ausprobieren. Wenn ich aus der heutigen Sicht die antiautoritäre Erziehung betrachte, frage ich mich was das gebracht hat

 

Jeder Mensch hat die Möglichkeiten seine Begabungen zu finden und sie umzusetzen. Man darf sich nur nicht ablenken lassen

 

Ich denke im Großen und Ganzen machte ich alles richtig. Das meiste würde ich heute genauso machen. Ein gutes Leben ist, wenn man glücklich und zufrieden sein kann, mit dem was man geschaffen hat

 

Ich war immer sehr offen für Neues. Wenn es einem gut geht sollte man schauen, wo man helfen kann. Das war stets meine Devise

 

Neulich sagte einer: Wir leben heute wie die Millionäre vor 100 Jahren. Wer hatte damals schon ein Fahrrad, wer wurde dick, wer konnte sich eine Kur leisten?

 

Ich fände es schön, wenn die jungen Mädchen wieder mehr auf sich achten würden. Mal einen Rock anziehen, eine hübsche Bluse oder eine Kette tragen

 

Wenn man das alles sieht und hört. Dass Kinder ihre Eltern umbringen, diese schreckliche Gewalt. Das war früher nicht so, glaube ich

 

Wenn ich mich ganz allein fühle, denke ich an meinen verstorbenen Sohn und sage:
`Bub du hast keine Sorgen mehr. Ich wäre jetzt gern bei dir´

 

Ich musste das alles erleben um stark zu werden