Ausstellungseröffnung

`SIE SIND KÖNIGINNEN´

Die Damen, die an diesem Projekt teilgenommen haben, sind in einer Zeit groß geworden, als der Kampf ums Überleben Alltag war, der Großteil der Männer im Krieg und sie ganz auf sich gestellt das Leben zu meistern hatten.
Die Damen stehen stellvertretend für viele Frauen ihrer Generation, die unsere Gesellschaft in einer ungemein schwierigen und leidvollen Zeit erlebt, getragen, wieder aufgebaut und mitgestaltet haben.
Mit dieser Ausstellung möchte Katharina Gütter in Zusammenarbeit mit der Stadt Metzingen den Damen die Anerkennung und den Respekt zu zollen, der ihnen unseres Erachtens zukommt.
Wir bedanken uns beim Vorstand der Paul Lechler Stiftung, Herrn Dieter Hauswirth sowie der Volksbank Metzingen für die finanzielle Unterstützung des Projekts.

 


(Fortsetzung der Bilder siehe unten)

 

Rede zur Ausstellungseröffnung am 25.1.2013

Von Katharina Gütter

Es war im Frühsommer letzten Jahres. Ich besuche meine Mutter. Sie wohnt seit geraumer Zeit im Seniorenheim. Ich entdecke sie im Speiseraum unter all den anderen Damen. Sie sitzen sich gegenüber. Sie sind sehr leise.
Mir ist plötzlich, als müsse ich mich vor jeder von ihnen verneigen, ob ihres Schicksals das sie erlebt haben, ob der Würde, die sie ausstrahlen.   `Sie sind Königinnen´ schießt es mir durch den Kopf.
Ich setze mich, ergreife die Hand neben mir, spüre Kraft und Zerbrechlichkeit in einem.
In diesem Moment wächst in mir das Bedürfnis, mehr von den Frauen zu erfahren. Wie kann ich das was ich spüre und was die Frauen in sich tragen im Außen sichtbar machen? Wie kann ich ihren Lebensläufen Gehör verschaffen?
Fragen über Fragen spuken mir durch den Kopf. Welche Auswirkungen hatte Anfang des vorigen Jhdts die Weltwirtschaftskrise auf die Familien? Was versprach man sich wenige Jahre später von den neuen Machthabern und wie war das langsame Erwachen in Zeiten der Bedrohung, dem zweiten Weltkrieg, in dem der Kampf ums nackte Überleben erneut zum Alltag wurde.

` Die ganze Kindheit über habe ich gearbeitet, das war halt so. Wir waren arm aber wir hatten nicht das Gefühl, dass etwas fehlt.´  Das sind Worte, die ich noch oft zu hören bekomme. `Aufgepasst haben die älteren Kinder auf die Jüngeren. Mutter hatte im Haushalt, im Garten, auf dem Feld alle Hände voll zu tun. Manchmal sahen wir sie erst am Abend wieder´, erinnert man sich. Gebadet wurde einmal in der Woche in einer Zinkwanne. Autos waren eine Rarität.
Die Strassen waren noch nicht geteert, sie waren gewalzt. Und sie waren vor allem eins – Treffpunkt der Erwachsenen am Abend und Spielplatz der Kinder.

Es war eine schwere Zeit. Deutschland war gespalten. Im Osten sehnten sich die Menschen zurück ins Altreich.  Eine Einreise war jedoch nur möglich, wenn man im Westen Verwandtschaft hatte, die bürgte. Natürlich war eine Bürgschaft noch längst keine Garantie für eine Arbeitsstelle. Wenn die Not zu groß war, wurden die Kinder zu den Verwandten gebracht, die ihnen das Leben ermöglichen konnten, welches den leiblichen Eltern versagt blieb.
Ein Leichtes für einen, der in dieser schwierigen Zeit die richtigen Worte fand, denkt man heute und so einer kam 1933. Er gab vor zu wissen was fehlte, er wusste auch wer Schuld daran war und vor allem schien er zu wissen wie man den Karren aus dem Dreck zog. Er schuf Arbeit und er sorgte für Ordnung. Seine heeren Visionen ließen die HJ aufblühen, den JM und den BDM.
Für die Mütter änderte sich wenig – der Haushalt musste gemacht,  Feld und Garten bestellt und die Kinderschar im Zaun gehalten werden. Die Kinder und Jugendlichen aber turnten und wanderten, sangen und freuten sich des Lebens.  `Wir hatten eine schöne Kindheit, ´darin sind sich alle einig.
Ein Leben fast so schön wie im Paradies. Wer konnte schon ahnen, dass der der da vorgab zu wissen was er tat bald einer ganzen Generation die Jugend nahm und Millionen mit in den Tod riss.
Doch erstmal imponierten sie, die Uniformen, die Parolen, den Blick weit in die Ferne gerichtet. Helden waren sie und holten das Ostland ins Altreich zurück und Polen gleich dazu. Ein Held wollte man sein und zog in den Krieg. Zurück blieben die Frauen, Kinder und die alten Menschen, die von jetzt auf nachher die Arbeit der Männer mit zu verrichten hatten.
Der anfänglichen Euphorie folgte bald die Trauer um die Gefallenen und die Ängste um die, die ihr Leben Tag und Nacht irgendwo dort draußen für Volk und Vaterland aufs Spiel setzten.
Es geschah jetzt auch so manches was ein Kinderherz nicht verstand. Zum Beispiel warum das Foto eines Bauern auf dem Kelternplatz prangte auf dem zu sehen war, wie er bei einem jüdischen Viehhändler eine Kuh kaufte. Auch verstand man nicht, warum ein Lehrer vor dem Religionsunterricht spottete, ob`s denn schon wieder Judengeschichte zu hören gäbe!

Die ersten Flüchtlinge tauchten auf, sie kamen aus den vom Bombenhagel betroffenen Reichsgebieten. Man rückte zusammen und hörte so manches was man nicht hören wollte.
Dann kamen die Zwangsarbeiter- und Zwangsarbeiterinneninnen aus Frankreich, Russland und Polen. Ihrer Heimat entrissen, der Sprache nicht mächtig.
Manch einer fragte sich jetzt, ob das was geschah alles so richtig war. Die meisten aber hofften, dass die da oben schon wussten, was sie taten. Das war damals nicht anders als heute.

Die Tiefflieger erreichten jetzt auch Metzingen. In anderen Städten gehörten sie längst schon zum Alltag. Sie tauchten auf, stießen herab und schoßen auf alles was sich bewegte. `Wir haben die Piloten im Cockpit sitzen sehen so nah flogen sie über uns hinweg` erinnerte man sich. Man rückte noch enger zusammen – jetzt in den Luftschutzkellern, in denen einem vor lauter Menschen der Atem stockte.

Im Osten stand die russische Armee schon vor der Tür.  Dort packte man das Nötigste zusammen. Heimlich, war die Flucht doch von offizieller Seite streng verboten.
Es waren Unzählige, die dem Hunger, dem Tod, der Gewalt ausgesetzt waren. Es waren vor allem Frauen, Kinder und alte Menschen.

In Metzingen suchte man in den letzten Kriegstagen dort Zuflucht, wo man sich in Sicherheit wägte. Ein Bauwagen im Wald, einem Gartenhäusle auf dem Florian. Hauptsache raus aus der Stadt.
Dann kamen die Amerikaner. Auf leisen Sohlen schlichen sie von Haus zu Haus auf der Suche nach Waffen. So leise wie gekommen, verschwanden sie wieder.
Und schon hörte man schwere Panzer von Grafenberg her. Es waren die Franzosen und manch einer klagte, ach wären die Amerikaner doch geblieben.
Die ersten Flüchtlinge tauchten in Metzingen auf. Zerrissen und ausgehungert, ohne Hab und Gut. Froh, eine Bleibe gefunden, der Angst entronnen zu sein. Der Schmerz, er blieb. Vor allem bei den alten Menschen, die keine Kraft mehr besaßen, sich zu verändern.

Die Hungerjahre 46/47 waren schrecklich. Die Kartoffeln hatten die Größe von Cherietomaten, die Winter waren kalt wie nie zuvor. Es ging nur noch ums nackte Überleben. Man aß was man in die Hände bekam, kratzte den Kalk von den Wänden, klaute, um zu überleben. Nach und nach kamen die Männer aus der Gefangenschaft. Ausgemergelt, gebrochen, entwurzelt. Schatten ihrer selbst. Jegliches Heldentum war von ihnen gewichen. Millionen von Steckbriefen übersäte das Land. Millionen waren unterwegs auf der Suche nach ihren Familien.

In den kommenden Jahren gewöhnte man sich mehr und mehr an die fremd anmutenden Dialekte und Traditionen. Man fing an aufeinander zuzugehen. In den 50er Jahren kamen auf 14 heiratswillige Frauen im Schnitt zwei Männer. Egal was die Frauen in all den Jahren zuvor aus eigener Kraft und meist ohne jegliche Hilfe von außen bewerkstelligt und gestemmt hatten, jetzt hatten sie wieder dem Manne Untertan zu sein.

Was aber wäre aus diesem Land ohne diese Frauen geworden? Unverdrossen packten sie weiter mit an, bauten auf, sorgten für die Kinder, pflegten ihre Eltern und stärkten so manch im Krieg gebrochenes männliches Rückgrat.  ` Schlimm war, dass es keinen gab, der uns sagte, wie es soweit kommen konnte´ sagte eine der Frauen. `Wir mussten das irgendwie mit uns alleine ausmachen´
Wie haben sie das alles gemeistert?
Und wie sehen sie heute auf die Welt?
Eine Welt in der es vieles im Überfluß gibt und alles so verführerisch blinkt und glitzert als wäre man mal wieder direkt im Paradies gelandet. Eine Welt in der Gemeinschaft viel zu oft durch Konsum ersetzt wird und in der alles erlaubt ist, Hauptsache es macht Spaß.

Wenn man es sich aussuchen könnte, als was würden Sie im nächsten Leben auf diese Welt kommen? fragte ich eine der Frauen, die mich so bereitwillig durch ihr Leben geführt hatte. Wie aus der Pistole geschossen antwortete sie: `Als Kind!´ Eine andere lächelte versonnen und sagte: `Als Katze. Einfach ein ganz entspanntes Leben führen.´

Die Frauen die wir heute würdigen und ehren, stehen stellvertretend für Millionen in diesem Land.
Ich möchte jeder der Teilnehmerinnen meinen Dank und meine Hochachtung aussprechen für ihren Mut, ihr Vertrauen und ihre Offenheit.
Das was sie uns geben ist ein großes Geschenk.
Ich denke man darf seine Erfahrung den Generationen, die nach einem kommen, nicht vorenthalten. Nur so können wir lernen uns und das Leben zu verstehen.

Ich möchte mich besonders bei Günter Käpernick bedanken, der von Anfang an alles in Bewegung setzte, damit dieses Projekt verwirklicht werden konnte.
Mein Dank gilt auch unserem Oberbürgermeister Dr. Fiedler für seine Unterstützung helfende Hände zu bewegen.
Ich bedanke mich bei Herrn Dieter Hauswirth, der als Geschäftsführer der Paul Lechler Stiftung sich sofort bereit erklärte das Projekt zu fördern.
Dankeschön auch der Volksbank Metzingen für ihre finanzielle Unterstützung.
Frau Münzenrieder`s unbürokratische Art das zu bejahen was den Menschen in ihrem Heim gut tut möchte ich nicht unerwähnt lassen. Auch das Engagement der Pflegerinnen der Diakonissen Sozialstation und das von Frau Haiber-Althaus. Dankeschön

Ich habe den Teilnehmerinnen versprochen die Textauszüge anonym zu halten. Ihre Anordnung ist daher zeit- und nicht personenbezogen.

Eine der Frauen erzählte mir von ihrer Schwester, die bevor sie starb zu ihr sagte,  geh und betrachte alles was mein Leben ausgemacht hat noch einmal, aber betrachte es durch meine Augen.
Mich hat dieser Gedanke fasziniert. Für einige Zeit aus dem eigenen Ich heraustreten um die Welt durch die Augen eines anderen sehen.
Den Augen eines Idealisten oder eines Visionärs, eines Menschenfreunds oder eines Komikers, eines Zweiflers oder eines Träumers. Vielleicht auch durch die Augen eines Hundes, einer Katze oder eines Vogels. Wie auch immer….. ich wünsche uns allen viel Freude am Entdecken dieser Welt.