Südwest Presse, 01.07.2015

Metzingen, Autorin: Carola Eissler | 01

 

Was Zeitzeugen erzählen

METZINGEN: Wer das neue Spuren-Heft mit seinen mehr als 100 Seiten in die Hand nimmt, legt es so schnell nicht mehr weg. Den Machern aus dem Arbeitskreis Stadtgeschichte (AKS) ist wieder ein großer Wurf gelungen.

Schneller als gedacht sei das neue Spuren-Heft des Arbeitskreises Stadtgeschichte nun Realität geworden, sagt Vorsitzender Rudolf Renz. Weil eines der großen Hauptthemen das Jubiläum des Veranstaltungsrings ist und dieser bereits im Juli feiert, ist das neue Spuren-Heft nun etwas früher erschienen.

Lokalgeschichte kann so spannend sein. Und unterhaltsam. Und den eigenen Horizont weiten. Konrad Kramer, der Vorsitzende des Veranstaltungsrings hat zahlreiche Quellen studiert, Sitzungsprotokolle gesichtet und alte Zeitungen durchforstet, um ein möglichst umfassendes Bild vom Veranstaltungsring Metzingen zu zeichnen und auf 60 Jahre Kulturarbeit in Metzingen zurück zu blicken. Viel Geduld, viel Detailarbeit war vonnöten. Dabei geholfen hat unter anderem auch unsere Zeitung, die bereits Ende der 1950er Jahre über Mitgliederversammlungen des Veranstaltungsrings berichtete und deshalb ebenfalls eine wichtige historische Quelle ist. „Eigenartigerweise sind über Jahre hinweg Protokolle von Versammlungen nicht mehr auffindbar. Die Zeitung war für mich deshalb eine große Hilfe“, berichtet Konrad Kramer. Er fördert in seinem Bericht nicht nur die Chronik zutage, sondern auch Geschichten rund um den Veranstaltungsring, erzählt über Höhen und Tiefen und zeichnet ein auf historischen Quellen basierendes Bild der Kulturarbeit in Metzingen. Mit Fug und Recht darf diese Dokumentation als erste umfassende Darstellung der Arbeit des Veranstaltungsrings bezeichnet werden.

Doch damit nicht genug. Kramer hat Zeitzeugen befragt. „Ich wollte die Geschichte des Veranstaltungsrings nicht allein wissenschaftlich aufarbeiten, sondern Menschen Geschichten erzählen lassen.“ Ein Ansinnen, das überaus geglückt ist. Kramer hat damit nicht nur seiner Chronistenpflicht Rechnung getragen, sondern einen durchaus amüsanten Lesebeitrag vorgelegt.

Um Zeitzeugen geht es auch in einem zweiten Hauptbeitrag des neuen Spuren-Heftes. Katharina Gütter, Metzingerin mit Wohnsitz in Köln, hat Metzinger Frauen interviewt, die die Kriegs- und Nachkriegsjahre erlebt haben. „Sie sind Königinnen“, lautet der Titel des Beitrags und Autorin Katharina Gütter meint dies wirklich so. Denn diese Frauen, so ist sie überzeugt, sind die wahren Heldinnen. Was wäre aus diesem Land ohne diese Frauen geworden, fragt Gütter.

36 Frauen hat Gütter portraitiert und interviewt, fünf Frauen sprechen in längeren Berichten über ihre Kindheit und Jugend und die schwierige Zeit der Aufbaujahre nach 1945. Dem angefügt hat Gütter Zitate und Erzählungen, die anonymisiert wurden. Zugleich findet sich ein Foto-Portrait aller interviewter Damen im Spuren-Heft. Die Älteste ist 1911 geboren, die Jüngste 1937. Gütter lässt sie erzählen, lässt sie als Zeitzeugen auftreten und ihre ganz persönliche Geschichte reflektieren. Dabei erheben weder Gütter noch die Macher des Spuren-Heftes Anspruch auf durchgängige historische Korrektheit. Denn, auch das kann jeder Historiker bezeugen, Erlebtes ist immer gefärbt und folgt dem eigenen Narrativ. Die Geschichtsschreibung kann dem widersprechen, was allerdings die Authentizität der Interviewten nicht mindert.

Mehr als 100 Seiten stark ist das in einer Auflage von 500 erschienene neue Spuren-Heft, das auch diesmal wieder neben den Hauptartikeln viel Lesenswertes, wie zum Beispiel die Geschichte der Neuhäuser Kirche von 1754, einen Zustandsbericht Metzingens im Jahr 1945 und einen Reisebericht des AKS sowie vieles mehr enthält. Eines ist sicher: Den Spuren-Autoren und Herausgebern ist eine überaus lesenswerte Publikation gelungen, der man generationenübergreifend Leser wünscht.

Info „Spuren 18/Beiträge zur Metzinger Stadtgeschichte“ ist für zehn Euro in den Metzinger Buchhandlungen Widmann und Stoll sowie am i-Punkt und bei Kiosk Lutz in Neuhausen erhältlich.