Reutlinger General-Anzeiger, 30.01.2016

Kelternspiele – Blick hinter die »Robin Hood«-Kulissen zu Kostümbildnerin Katharina Gütter und Regisseurin Birgit Hein

Die Räuber mit der Schere bearbeitet

Von Markus Pfisterer

METZINGEN. Lady Marian trägt roten Samt, Robin Hood eine schlichte feste braune Weste, die Räuber tragen Löcher und Lederflicken. »Ich zieh ihnen das an, was ich gesammelt hab, und beginn sie mit der Schere zu bearbeiten«, sagt Katharina Gütter und lacht. Die Kostümbildnerin hat in ihrem Elternhaus in Metzingen einen riesigen Kleiderfundus versammelt. Viel hängt an der Stange, noch mehr lagert in riesigen Kunststofftruhen.

Lady Marian, Bruder Tuck und ein Räuber (vorne von links), präsentiert von Kostümbildnerin Katharina Gütter (links) und Regisseurin Birgit Hein in Gütters ohnehin schon farbenfrohem Elternhaus. FOTO: PFISTERER

Lady Marian, Bruder Tuck und ein Räuber (vorne von links), präsentiert von Kostümbildnerin Katharina Gütter (links) und Regisseurin Birgit Hein in Gütters ohnehin schon farbenfrohem Elternhaus. FOTO: PFISTERER

Gütter stattet die bislang 34 Darstellerinnen und Darsteller aus, die Ende Juli bei den Kelternspielen mitwirken. Und in mehrere Rollen schlüpfen. Über 60 Kostüme müssen bereithängen. Eine nette und gut zu meisternde Herausforderung. »Ich seh was, nehm es mit, trenn es auf und füg es neu zusammen«, erläutert die gelernte Textildesignerin, die freiberuflich für Theater und Fernsehen arbeitet, früher am LTT Tübingen, heute in Köln genauso wie für die Fallers im Schwarzwald, mal als Kostümbildnerin, mal in der Maske, mal in der Regieassistenz.

»Im Mantel des Räuberhauptmanns ist der Vorbesitzer aus der DDR geflohen«

Viele Kelternspielkostüme bringen ihre Geschichte mit. Den Mantel des Räuberhauptmanns etwa hat Gütter auf einem Flohmarkt entdeckt – sein Vorbesitzer war mit ihm aus der DDR geflohen. Eine andere Jacke war mit ihrem Träger im Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan.

Katharina Gütter, die Tochter des Veranstaltungsring-Mitgründers und ehemaligen Metzinger GEA-Redakteurs Fritz Gütter, ist mit ihrem findig-fündigem Auge ein Segen für die Kelternspiele. Die stemmt der Veranstaltungsring Metzingen, und der muss rechnen. »Wenn man wenig Mittel hat, muss man aus der Not etwas zaubern«, beschreibt Regisseurin Birgit Hein, was auf Kostüme wie aufs Bühnenbild zutrifft. Gütter hat das Glück, mit Theo Kuhn einen Nachbarn zu haben, der sich mit seinen über 80 Jahren noch gerne an die Nähmaschine setzt. »Kostüme sind wichtig, weil sie Wirkung haben«, sagt die extrovertierte Kreative. Einerseits, weil sie zeigen, aus welcher Schicht die gespielte Person kommt – vom Königshaus bis zum Räuberwald. Anderseits, weil die Kleider die Darsteller beeinflussen: »Sie sind dann jemand anders, stehen anders da, bewegen sich anders.« Gehn in der Rolle mehr und mehr auf.

Birgit Hein tritt bei der Regiearbeit in die großen Fußstapfen von Dr. Horst Laubner, der die Kelternplatz-Open-Airs jahrzehntelang prägte. Dazwischen lag ein Intermezzo von Christian Wissler mit »Picknick im Pyjama« vor drei Jahren. Mit einer klassischen Inszenierung von »Robin Hood« will die freischaffende Theaterpädagogin ihr Debüt geben. »Ich sehe die Spieler im Vordergrund«, sagt die Zurückhaltendere der beiden. Das Bühnenbild wird reduziert ausfallen, nicht überladen. Asketisches Mittelalter. Märchenhaft mit Burg. Verbale Anklänge an die Hofsteige-Weine gehören zu den wenigen modernen Einsprengseln.

»Wenn man wenig Mittel hat, muss man aus der Not etwas zaubern«

Einzig der Sheriff von Nottingham »sieht ein bisschen sadomäßig aus« und wird eine rockige Nummer auf die Bühne legen. Umspielt von Orchester und Band unter Stephen Blaichs bewährter Leitung. Die – auch singenden und tanzenden – Schauspieler stehen ohne Perücke oder wilde Schminke auf der Bühne. Umso mehr kommt es auf ihre Ausdrucksstärke an, ihr Charisma, ihre Kunst, andere zu bannen. Viele haben sich bereits bewährt. Die Titelrolle übernimmt ein weiteres Mal Fabian Brändle, der bei Birgit Hein in Tübingen mal ein Seminar belegt hat. Als der Veranstaltungsring den Regiestuhl neu besetzen wollte, warf die Kohlbergerin bei Brändle ihren Hut in den Ring – mit Erfolg. Der Sheriff als Robin Hoods Widerpart bringt ebenfalls viel Schauspielerfahrung mit: Dennis Johansson tritt häufig im Theater unter den Kuppeln in Leinfelden-Echterdingen-Stetten auf.

Seit Anfang Oktober laufen die Kelterspiel-Proben. Unter maßgeblicher Beteiligung der neuen Musical-Werkstatt der Musikschule Metzingen und individuell abgestuft nach Schauspiel, Tanz und Gesang. Birgit Hein berichtet von Teilnehmern, die mit Herzblut und viel Motivation dabei sind. Es dürften nur noch ein paar mehr sein. »Männer sind rar gesät.« Auch sonst gibt es noch viel zu tun für die Musical-Verantwortlichen. Unter anderem muss die Choreografie (von Katja Privitera) festgelegt werden und müssen noch Räuberkämpfe organisiert werden. Na, dann nichts wie los! (GEA)