Reutlinger General-Anzeiger, 15.01.2013

Geschichte – Katharina Gütter hat Metzinger Frauen porträtiert, die ihre Erfahrungen in der (Nach-)Kriegszeit schildern

 

Metzinger Frauen porträtiert: »Sie sind Königinnen«

Von Andreas Fink

METZINGEN. Im Mittelpunkt standen die Männer. Sie machten Politik, sie kämpften und sie starben im Krieg. Zurück blieben die Frauen. Sie hielten das Leben daheim am Laufen. Nach dem Tausendjährigen Reich packten sie beim Wiederaufbau an – nicht nur der Gebäude, sondern der ganzen Gesellschaft. 32 von ihnen hat Katharina Gütter ein kleines Denkmal gesetzt. Die gebürtige Metzingerin, die in der Sieben-Keltern-Stadt und in Köln lebt, hat die betagten Frauen fotografiert und interviewt. Ihre Hochachtung vor ihnen war nachher noch größer als vorher. »Sie sind Königinnen« hat sie ihre Arbeit überschrieben. Die Bilder und Texte sind vom 25. Januar an im Metzinger Rathaus zu sehen.

»Die Frauen waren plötzlich auf sich gestellt«, sagt Katharina Gütter, »was sie daraus gemacht haben, war einfach großartig.« Beeindruckt ist die 60-Jährige nicht nur von dem, was die Frauen geleistet haben, sondern »von der Würde, die sie heute ausstrahlen«.

Voller Hochachtung

Ältere Menschen interessieren die gelernte Textildesignerin und Maskenbildnerin schon länger. Vor fünf Jahren hat sie das Konzept für eine TV-Show für Senioren entwickelt. »Sehr gut, aber der Zeit voraus«, lautete das Urteil der Fernsehleute. »Aber ich bin an dem Thema drangeblieben«, sagt Gütter, »jetzt ist dieses Projekt daraus geworden.« Wem auch immer sie davon erzählte – sie rannte offene Türen ein. Einer der ersten war ihr Schulfreund Günter Käpernick, Hauptamtsleiter der Stadt Metzingen. Er war nicht nur begeistert, er öffnete das eine oder andere Türchen. »Eine große Hilfe«, sagt Katharina Gütter, »es ist schließlich nicht selbstverständlich, dass einem jemand offen aus seinem Leben erzählt – vor allem aus dieser Zeit.«

Ein Selbstläufer

Die »Königinnen« wurden mehr und mehr zum Selbstläufer. Die Frauen erzählten sich untereinander von der »kleenen Gütter«, wie die Ausstellungsmacherin über sich selbst sagt. Mal half ihr der Name weiter (ihr Vater Fritz Gütter war als GEA-Journalist in der Stadt ebenso bekannt wie ihre Mutter Margarete, die sich im Veranstaltungsring engagierte), mal lief die Kontaktaufnahme über die Kirche, mal über die Stadt. Die engagierte sich auch finanziell, um die Ausstellung möglich zu machen. Weitere Partner: die Volksbank- und die Paul-Lechler-Stiftung.

Zwischen 79 und 104

Präsentiert werden die Zeit-Geschichten in Form von Porträts im Format 40 auf 60 Zentimeter. Daneben die Interviews auf Textbannern – nicht neben den jeweiligen Bildern, sie sind anonymisiert. »So konnten sich die Frauen mehr öffnen«, sagt Katharina Gütter. Die jüngste Zeitzeugin, mit der sie sich unterhalten hat, ist 79, die älteste 104. »Du bist ja noch ein junger Hüpfer unter den Königinnen«, sagt sie zu der Metzinger Stadträtin Sibylle Küßner, die sie ebenfalls befragt und fotografiert hat. Die kommentiert trocken: »Baujahr 31, ein paar Jährchen älter als Du.«

Metzingens OB Ulrich Fiedler ist froh, die Königinnen im Rathaus zu haben. »Das sind Menschen, deren Lebensleistung viel zu wenig gewürdigt wird«, sagt er, »ich fand das Projekt von Anfang an toll, weil es viel Respekt vor den Frauen zeigt, die etwas Großes geleistet haben.« »Wir haben alle Königinnen zur Vernissage eingeladen«, sagt Günter Käpernick, »und wir werden sie wie Königinnen behandeln.« (GEA)

Königinnen im Rathaus

Eröffnet wird die Ausstellung von Katharina Gütter am Freitag, 25. Januar, um 15 Uhr im Foyer des Metzinger Rathauses. Bei der Vernissage spricht die baden-württembergische Arbeits- und Sozialministerin Katrin Altpeter ein Grußwort. Für den guten Ton sorgt das Salonorchester Metzingen mit Wiener Kaffeehausmusik. Die Bilder und Texte sind im ganzen Haus ausgestellt. (and)