Ausstellungseröffnung 2

Verborgene Plätze

Vor rund zwei Jahren machte sich Katharina Gütter auf die Spuren der Gütleshäusle rund um Metzingen. Neugierig machten sie vor allem jene, die sie von Kindesbeinen her kannte. Deren Besitzer vielleicht schon längst nicht mehr unter uns weilen oder deren Füße mittlerweile zu müde sind, den Weg auf den Wippberg, Florian, Weinberg oder in den Spaler zu gehen, um ihr Stückle Land zu pflegen.
Es blieb nicht aus, dass Wind und Wetter den kleinen Gütleshäusle über die Jahre mächtig zugesetzt haben. Trotzdem haftet an ihnen ein ganz besonderer Charme. Diesen versuchte Gütter mit der Kamera einzufangen. Doch damit nicht genug. Schließlich hatten die Häusle nicht nur schon viele Jahre auf dem Buckel, sondern auch eine Menge zu erzählen.
Das sollte der Metzinger Bevölkerung nicht vorenthalten werden, meinte Katharina Gütter’s Schulkamerad und Mitstreiter aus ‚Königinnentagen’ Günter Käpernick.

Ab diesem Zeitpunkt gingen die beiden den Weg zusammen. Der eine wirkte hie, der andere da und wenn sie am Abend bei einem Viertele zusammen saßen, stiegen Kindheitserinnerungen hoch.
Man erinnerte sich an die Bauern, die damals zum Teil sogar noch mit dem Ochsenkarren aufs Feld fuhren. An die Frauen, die hegten und pflegten, was um so ein Gütleshäusle wuchs und gedeihte.
Man erinnerte sich an den Geruch von Wurst und Brot im Innenraum der Häusle. An Rohrstiefel, Hacke und Spaten, die in der Ecke standen.
An Kisten voller Kartoffeln, Birnen und Äpfel, die im Kriechkeller lagerten.

Mindestens ein großes Geheimnis lag in jedem der Häusle. Das wusste damals jedes Kind. Und jedes der Kinder kannte mindestens einen der Wichtel, Zwerge und Feen, die in und um die Häusle lebten, persönlich.
Die ganz Mutigen hatten sogar schon mal in den frühen Abendstunden die ‚Alt Marie Hex’ auf dem Dach oder im Pflaumenbaum hocken sehn.

In Metzingen ging es damals noch besinnlich zu. Es war die Zeit, in der die Mütter noch Haushaltsbücher schrieben und die Väter morgens mit dem Moped zur Arbeit ratterten. Die Gerber färbten nicht nur das Leder, sondern gleich das Wasser der Erms dazu. So leuchtete jenes mal in grün, mal in rot oder blau. Der Doktor wurde mit Herr Doktor begrüßt.Der Lehrer mit Herr Lehrer. Die Hunde lagen an der Kette im Hof und in den Vorgärten gackerten die Hühner. Freilaufend. Das ist gerade mal 55 Jahre her…..

40 Häusle sind es geworden. 40 Gschichtla sind erzählt.

Eins der Gschichtle wollen wir aber nicht vorenthalten. Und das ist das vom ‚Ersten Metzinger Gütleshäusle‘.
Es hätte sich durchaus so ereignen können, denn Metzingen war damals sehr, sehr klein.

 

Die Gschicht vom ersten Metzinger Gütlehäusle

G: Äs war amol ond ischt nicht mehr, vor 100 Johr ond no äbbs mehr
K: Metzinga war domols no an Flecka mit grad mol 7.000 Einwohner.
G: …do hot em Bauer Frieder sei otrauts weib, dui Luis, ihr erschtes kend kriagt ond zwor midda uff dr Obschdwies uffm Wippberg.
K: Es könnt aber au im Hardthölzle gwäa sei oder uff em Weinberg. Mit weitem Blick aufs Rossfeld.
G: Jedafalls isch des Kend en dr ärgschda Mittagshitz midda en an Haufa Schafsbolle blotzt.
K: der Frieder hot gschwend sei Veschbermesser aus dr Tasch zoga, dui Nabelschnur packt ond zack….
G: worauf dui Luis Zeder ond Mordio gschria hot.
K: Er, der Frieder wär jetzt nämlich Schuld wenn des Kend an lebenslanga Schada mit sich traga dät
G: No am selba Dag isch se zur Oma end Kammer zoga.
K: „Schluß mit Luschdig“ hot se plärrt ond so äbbes dät ihra net a zwoits mol bassiera
G: Dem Frieder hot des arg zuagsetzt. Vo Ponzius zu Pilatus isch er gloffa. Zletscht isch er beim Pfarrer glandet.
K: Was wois denn an Pfarrer über die Ängschde einer Frau
G: No jo. Der hot em den guata Rat gäbba er soll dr Luis stecka, dui Oma hätt Maul- ond Klauaseuch. So schnell hosch net gugga kenne wie dui Luis wieder näbe dem Frieder im Bett lag ond an en noschnegglt ischt
K: Koi halbs Johr später ging des Theater von vorn los. Zom Middagessa gab’s Gurka met Erdbeergsälz.
G: Am Obend Pflaumakuacha met Senf
K: Där Bauch von där Luis wuchs und wuchs
G: ond der Frieder hot bald koi ruhiga Minut mehr keht.
K: Aufs Feld kennt er jetzt no alloi ganga, hot se plärrt. Folgens ihra wärs nämlich bald soweit
G: ah was, hot der Frieder se beruhigt. Mr dät ja no gar nix säa ond ausserdem dät des ewig bis dass so a Kend sich dazu entschließt den warma Mudderleib zu verlassa.
K: do war se aber scho em achta Monat. Des hot mr blos net gsäa wega dene Schichta von Röck die domols Mode wared
G: Der Frieder also wieder zum Pfarrer. Dreimol klopft, dreimol boggelt. Romm oms Haus ond do sieht er ihn au scho hocka. Stolz wie Bolle vor seim neue Werk. Am nagelnuia Gartahäusle
K: No am selbige Obend zieht der Frieder fröhlich pfeifend an Karra voller Holzbretter gen Wippberg
G: Koine drei Dag ond zwische dene Epfl- ond Birnabeim uff seim Gütle stoht a klois putzigs Häusle
K: An Tisch, zwoi Stiahl, s’ alte Sofa vom Onkel Gustav ond d’Luis war selig
G: Dui wollt gar nemme ronder vo dem Sofa. „Die frische Luft ond die herrliche Ruah ond des Zwistchra von dene Vögel ond di Epfl“
K: Bei ihr war grad Epflwoch. Epfl met Spätzla, Epfl met Senf. Koi Baum war rer z hoch
G: in der größda Mittagshitz hört der Frieder an MordsSchrei. Mit oim Satz war er bei rer. Hot se packt ond hot se mit letschter Kraft ens Häusle traga
K: Der war fix ond fertig. Dui Luis aber hot gstrahlt ond des Butzele hot gschmatzt
G: Der Rega hot geged Scheib trommelt, der Wind hot an dr Tür g’ rüttelt
K: An Wolf hot gheult.
G:Oder war’s an Hond
K: jedafalls hend die drei ihr erschte Nacht en dem Häusle verbracht
G: Am nächschde Tag hots ganz Metzinga gwisst.
K: bald druff send älle mit ihre alte Holzladda uff’m Karra uff dr Florian, Weiberg, en der Spaler ond dr Wippberg gloffa.
G: En de folgende Johr waret die Gütleshäusle schwer en vogue
K: Denk no für was so a Häusle älles guat war. Kischda voller Eppfl Kromiebra, Birna, gelbe Rüba wurdet dort glagert
G: Zwiebla hinget vo dr Decke ond dr Moschd stand em Regal.
K: Oder uffm Tisch
G: Im Eck stand dr Rächa, Rohrstiefel, Spata, a Sens.
K: Oms Häusle wuchset Beerasträucher
G: S`war a scheene Zeit, als die Häusle in Mode kamed
K: Aber wie mir alle wisset isch nix so vergänglich wie die Mode
G: Aus dem Dorf wurd a Schtadt, die heut bald jeder Chines in China kennt.
K: Där Mode wäga
G: Zu de nuie Gütleshäusle führt an Pflaschder Weg bis faschd vor Tür, mit am extra Platz für dr SUV.
K: Die Laubsauger hauet oims fascht s’Trommelfell weg. Ond bald isch do statt ra Wies bloß no Kies
G: woisch was, vielleicht nimmt dr oi oder andre demnäschd doch mol seine Kender oder seine Enkel an d Hand ond macht an Spaziergang zu unsre alte Häusle am Wippberg
K: Florian, Weinberg oder hendre en dr Spaler. So weit drussa wie domols isch des gar nemme.
G: ond vielleicht kommt dann ganz vo alloi d’oi oder andre G’schicht hoch, von früher, als d’Oma ond dr Opa no kloi waret
K: Des wird bestimmt an ganz besonderer Tag für die Kender, an den se sich vielleicht sogar no erinnrat wenn se selber mol Opa ond Oma send.
G: An Tag ohne Smartphone ond Computerspiele
K: Wär des schee….
G: Woisch manchmal denk i grad, die willet ons für bleed verkaufa
K: Ah warts no ab- dui Mode got au vorbei